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Leseprobe 6
Zeit gibt es nicht
Über ein halbes Jahr habe ich die
Philosophie-Stunde geschwänzt. Während die anderen in Horsts
schattiger Souterrain-Wohnung in Wieseck das Phänomen Zeit
behandelten, habe ich mein indianisches Erbe gesichtet, geordnet
und neu bewertet. Ich wollte damit fertig werden, bevor ich
endlich wieder an den Sankt-Lorenz-Strom ziehe, wo mein Sohn auf
mich wartet, mein Enkel mit seiner aztekischen Mutter und der
Große Baum des Friedens in der Reservation Kahnawake.
Aus heiterem Himmel erhielt ich einen dicken
Brief von Rolf, der ebenfalls zu den Philosophen geht. Er hatte
etwas Wunderbares für mich ausgegraben, nämlich den Vortrag des
Ottawa-Indianers
Wilfried
Pelletier über unser aktuelles Thema: „Die
Zeit".
Nicht-Indianer verlassen sich auf
Verabredungen, die immer in der Zukunft liegen. Und das
verunsichert sie, denn sie wissen nie, ob der Partner auch
pünktlich kommt, ob er überhaupt kommt. Indianer hingegen
verlassen sich auf die Realität, die sich in
der
Gegenwart abspielt. „Und dies bewirkt Geselligkeit
und Zufriedenheit." Ein Indianer hängt nicht ab von der Zeit. Die
Zeit steht zu seiner Verfügung. Die Zeit ist von ihm
abhängig und ... |
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