13. Juni 2002

Schauspieler

Von Alfred Keil

Als ich noch Zeitungslehrling war, musste ich zu einem Nachmittag mit Dieter Hallervorden. Ich hatte gerade erst fotografieren gelernt und war äußerst stolz auf mein neues Blitzgerät.

Natürlich konnte ich mir denken, dass dieses plötzliche und grelle Licht die Schauspieler störte, und nahm mir vor, nach der dritten oder vierten Aufnahme die Kamera wieder einzupacken. Aber schon nach der zweiten drehte sich Hallervorden um, als hätte er nur darauf gewartet, mir eins auszuwischen: "Kerl, blitz doch nicht dauernd nur! Donner doch auch mal!"

Wie ein begossener Pudel suchte ich das Weite, denn das Publikum lachte mich schrecklich aus.

Später hatte ich eine schöne alte und leise Leica M 3 mit einem 135-er Teleobjektiv. Und ich dachte, jetzt könne mir nichts mehr passieren. Ich hatte Helmut Lohner gerade im Sucher und konnte jede Falte seines nervösen Gesichtes sehen, da raunzte er mich an: "Drücken Sie noch einmal auf den Auslöser, schmeiße ich das Stück!"

Trotz dieser Bloßstellungen bin ich bei meiner Methode geblieben: Mit dem Teleobjektiv zielte ich auf höchstens zwei Personen gleichzeitig. Auf meinen Fotos sollten nur Gesichter und Hände sein.

Aber ich wurde bald eines Besseren belehrt. Und zwar von der Putzfrau Jolande, die 1977 in der Alten Reitschule in Weilburg die Männer verrückt machte.

Das war Edith Behleit in "Eine Rose zum Frühstück" von Barillet & Grédy in der Inszenierung von Bertold Sakmann (Theater Unterwegs).

Ich hockte zwischen der ersten Sitzreihe und der Bühnenkante im Dunkeln, um diese bäuerliche Marilyn Monroe fotografisch einzufangen. Plötzlich ließ auch sie sich auf die Kniee sinken. Langsam und genüsslich drehte sie sich zu mir um und lachte mir mutwillig ins Gesicht. Sie wusste genau, was ihr Dekolletee in diesem Augenblick hergab. Aber nicht genug damit, sie schüttelte sich plötzlich, und all die weibliche Pracht verließ ihre Textilien und wogte sekundenlang durch mein Blickfeld. Natürlich ist dieses Foto nichts geworden - total verwackelt.

Diesmal litt ich nicht unter dem Gelächter der Zuschauer. Im Gegenteil, ich machte ihnen ein Zeichen wie Miro Klose nach einem Kopfballaufsetzer, der Fußballdeutschland auf die Siegerstraße brachte.

Im Sommer 1989 kam mein Lieblingsschauspieler mit den Schlossfestspielen Ettlingen ins Wetzlarer Rosengärtchen. Er war Regisseur und Hauptdarsteller in Molières "Schule der Frauen". Ich traute mich hinter die Kulissen, um zu ergründen, ob ich vielleicht ein paar Gesichter schon vor der Aufführung einfangen konnte, um nachher nicht zu stören.

Ernst Stankovski fing mich sofort ab und stellte mich mit gespielter Strenge zur Rede. Mitten im Gespräch legte er mir die Hand auf die Schulter: "Ich habe noch nie erlebt, dass ein Journalist Rücksicht auf mich nehmen wollte. Wenn Sie wirklich ohne Blitz arbeiten, können Sie den ganzen Abend fotografieren."

Ernst Stankovski ist auch heute noch mein Lieblingsschauspieler.

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