10. März 2005

Die Bleiläuse

Schusterjungen und Hurenkinder mag ich überhaupt nicht. Cicero hingegen verehrte ich schon am Gymnasium, weil er noch wusste, was Politik ist und weil er aus allen Fachgebieten das für sich Passende herauslas, um ein neues Ganzes daraus zu machen.

Cicero ist auch der Name eines Schriftgrades Ihrer Tageszeitung. Diese Bezeichnung entstand, weil der Mann, der als erster Ciceros Briefe setzte und druckte, diese Schriftgröße wählte. Das Computersystem dieses Blattes heißt ebenfalls Cicero.

Zurück zu den Schusterjungen und Hurenkindern. Das sind Wörter aus dem Jägerlatein der Schwarzen Kunst. Die Schwarze Kunst ist das, was Setzer und Drucker tagtäglich trieben, bevor der Farbdruc:k kam und die Bildschirmarbeit.

Doch einen Schusterjungen fabrizieren wir auch heute noch. Dann nämlich, wenn die Anfangszeile eines neuen Absatzes am Ende einer Artikelspalte oder einer Buchseite steht. Und ein Hurenkind ist zur Welt gekommen, wenn die letzte Zeile eines Absatzes am Anfang einer neuen Spalte oder Seite steht. Das ist typographisch einfach hässlich.

Typographisch - schon wieder ein fachchinesisches Wort. Typographie nennt man die Schriftsatzgestaltung eines Zeitungsartikels oder die Buchdruckerkunst allgemein.

Aber das größte Geheimnis der Mettage oder des Umbruchs - hier wurden in der guten alten Zeit die Artikel zu einer Seite zusammengebaut - sind die Bleiläuse.

Die Bleiläuse waren in aller Munde, als ich im März 1966 im Wetzlarer Karl-Kellner-Ring mein Volontariat, meine Zeitungslehre, begann. Wolfgang, Metteur in der Mettage, holte mich eines Tages in der Redaktion ab, um mich mit diesen Biestern bekannt zu machen. Feierlich zog er ein Schiff herbei, ein schmales Blech, das an den langen Seiten und einer schmalen Seite umrandet war und dazu diente, den Bleisatz in einer festen Form zu halten. Der Metteur füllte dieses Schiff an beiden Stirnseiten mit genau passenden Stegen. Stege gehörten zum so genannten Blindmaterial, das die Stellen im Artikel frei hielt, auf die später die Klischees gelegt wurden. Das waren die geätzten Flächen, die beim abschließenden Druck das Foto oder .die Zeichnung wiedergeben.

In der Mitte des Schiffes ließ Wolfgang einen freien Raum, in den er Leitungswasser goss. „Komm ganz dicht ans Schiff“, sagte er geheimnisvoll. „Dann siehst du, wie die Bleiläuse allmählich aus den Stegen kriechen . . .“

„Zack!“, machte es, und Wolfgang trocknete sich mit dem Taschentuch das enttäuschte Gesicht. Er hatte plötzlich die Stege von beiden Seiten in Richtung Wasser zusammengeschlagen, um mich nass zu spritzen. Aber ich war blitzschnell ausgewichen. Wolfgang jedoch nicht.

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