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Literarisches von Alfred Keil alias Angelo Niklas

 

10. Februar 2019

Alfred Keils Kolumne

... EIN  BILDHAUER. Der hieß Herbert Pfeiffer und wohnte in der Biedenkopfer Hainstraße. Genau wie ich. Manchmal auch Am Kirchberg in Cappel. Sogar in Franfurt am Main besaß er eine Adresse.

Dieser Künstler erweiterte meinen provinziellen Horizont. Er erzählte mir oft von Erich Fried, dem großen deutschen Lyriker in London. Auch bei ihm verbrachte Herbert ein paar Jahre: "Was sich / verkleidet / als Neugier / ist dann / nackt / nur / die alte Gier." "Ein gutes Herz – das beste Hirn."

Herbert war verheiratet und hatte, soviel ich weiß, zwei Kinder. Deren Adresse kannte er aber nicht.

Die Frankfurter Stadtwerke schaukeln Herbert und mich durch die Mainmetropole. Herrliches Septemberwetter im Oktober. 1969. Die Studenten sind noch unruhig. Der "Club Voltaire" ist geschlossen. Schade.

Irgendwann kommt die Nacht. Wir besuchen einen Nico. Eine schwarze Balkanschönheit, nur mit einem breiten Schal bekleidet, öffnet die Tür. Deshalb bleiben wir nicht lange. Wieder das einlullende Schaukeln. Kaiserstraße. Die Polizei ist ständig präsent. Kein Mucks der Studenten.

Wir steigen in einen Keller hinunter. Eine Spelunke. Sie nennt sich "Club 65". Jedenfalls glaubt Herbert das. Ein Firmenschild habe ich nirgends gesehen. Ebensowenig den Namen der Straße. Lange muss ich auf den Kollex warten, der mit meinem letzten Schein Getränke holt. Am Nebentisch geht es um Hasch. Als ich nach dem Rest meines Geldes frage, verblasst die Freundschaft vorübergehend. Herbert ist plötzlich nur noch Gammler. Ich gebe mich den Spielereien des Lichts auf dem Fußboden hin. Schmetterlinge huschen vorbei. Ein Mädchen im Abendkleid pfeffert ein Glas an die Wand. Ihre Bewunderer lachen. Von einem Polen kaufe ich Kaugummi. Das Licht geht aus. Keine Schmetterlinge mehr. Ich stecke mein Tagebuch zurück in die Tasche.

Herbert fällt ein, dass Dieter und Karl Wilhelm auch in Frankfurt weilen. Dann erzählt er wieder von London und von Rudi Dutschke.

Ein Mädchenname: Gundula. Ist sie es, die mit der Papierschere Frankfurter Würstchen zu Curry schneidet? Auf jeden Fall, sagt Herbert, hat sie frisch bezogene Betten für uns.

Na gut. Das Licht geht eh nicht wieder an, besuchen wir Gundula. Es ist schon 6.30 Uhr. Das genaue Datum wissen wir nicht.

Draußen stehen die Mülleimer so, dass wir Slalom laufen müssen. Ein Kerl taucht neben mir auf: "Bist du ein Bulle? Was hast du andauernd in dein Buch geschrieben? Gib her, dieses Buch!"

Ich sichere meine alte Kartentasche mit beiden Händen. Da zeigt mir die finstere Gestalt einen Revolver. Herberts Füße wirbeln auf dem nassen Pflaster. Der Bursche zwischen den Mülleimern lässt die Trommel rattern: "Du kannst gehen. Folge dem Angsthasen da."

20 Meter mindestens bis zur Hausecke, hinter der Herbert verschwunden ist. Ich gehe betont langsam. Wenn ich mich beeile, werde ich erschossen. Wieder rattert es, dann ein Klick. Das Rattern der Trommel und das Klicken des Hahns höre ich dreimal. Ganz laut. Ich flüstere vor mich hin: "Ich habe von Lenz zu Lenz den Lilien mein Leid geklagt und auch die Lust. Ich altere in meine Jugend hinab. Glaube ist der Sieg des Geistes über den Ungeist . . ." Aber woran soll ich denn glauben mit einem Peacemaker im Rücken? Die letzten Meter sprinte ich. Hinter der Ecke bleibe ich atemlos stehen. Stille. Karatephantasien. An einem Straßenbaum wartet Herbert. Diffuses Leben. Kleinlaut, ganz kleinlaut sind wir.

Waren wir in Gefahr? Oder alles nur Schauspielerei? Seeheld Nelson himself hatte doch ausdrücklich nach HB gefragt. In ziemlich hartem Englisch. Dann auf Deutsch: "Manierismus heute!"

Wieder in der Straßenbahn – eine ganze Stunde kostet 80 Pfennig. 80 Pfennig bis zu Gundulas weißen Betten. Wir schlafen sofort ein.

Zurück in der Biedenkopfer Hainstraße, danke ich dem Schicksal dafür, Babo zu treffen, der ich wochenlang aus dem Weg gegangen bin. Ich fühle mich geborgen in ihrer heißblütigen Bürgerlichkeit.

 

 

 

 

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